
Die queere Community ist in einer Zwickmühle. Jahrelange warfen Vertreterinnen und Vertreter der Szene so manchem Unternehmen, Verbänden oder Organisationen Pink- oder Rainbow-Washing vor. Also dass diese sich mit einem Regenbogen schmücken, dem Symbol der Gemeinschaft von Lesben, Schwulen, Trans- und Bisexuellen oder anders orientierten und Unterstützern. Der Vorwurf: Hier werde Toleranz vorgaukelt, weil das Thema gerade en vogue sei - ohne die dahinter steckenden Werte ernsthaft zu vertreten.
Doch inzwischen lässt das Phänomen nach. Selbst im Juni - dem sogenannten Pride Month -, wenn an Aufstände am 28. Juni 1969 in der Homosexuellen-Bar "Stonewall Inn" in der Christopher Street in New York erinnert wird.
Firmenlogos werden nicht mehr ein paar Wochen mit bunten Streifen hinterlegt oder Slogans geändert. Es kommen weniger Produkte in Regenbogen-Optik auf den Markt. Unternehmen engagieren sich bei Gelegenheiten wie CSDs oder Messen zurückhaltender für die Community. So jedenfalls nimmt diese es wahr.
Neuer Zeitgeist?
Der queere Content Creator Max Rogall alias 321maxx postete Anfang des Monats in sozialen Netzwerken ein Video mit der Ansage: "Ich vermisse Rainbow-Washing." Schnell stellt er klar: Er vermisse nicht die Unternehmen selbst oder ihre oberflächlichen Kampagnen. Aber er vermisse die Realität, in der das funktioniert habe, sagt Rogall.
Die Unternehmen hätten Rainbow-Washing gemacht, weil es als positiv galt, queere Menschen und Rechte zu unterstützen. Heute gelte eher: "Wenn du keinen Ärger willst, hältst du dich aus dem Thema lieber komplett raus." Das bedeute: weniger Pride-Kampagnen, weniger Sponsoring und Fördergelder. CSD-Paraden würden kleiner, queere Sichtbarkeit und Safe-Spaces verschwänden.
Die Berliner Dragqueen Margot Schlönzke fragte auf
: "Wo sind sie plötzlich geblieben?" Gerade in Zeiten, in denen gesellschaftliche und politische Angriffe auf queere Menschen wieder lauter würden, sei es auffallend still geworden. "Ausgerechnet jetzt."
Einknicken vor Trump-Politik?
Die Wirtschaft gehöre untrennbar zum gesellschaftlichen Leben, erklärt Andre Lehmann vom Bundesvorstand des LSVD+, dem Verband Queere Vielfalt. "Daher haben Unternehmen auch eine Verantwortung für diese Gesellschaft." Doch immer mehr entzögen sich dieser aufgrund des politischen Drucks, vor allem aus den USA. "Queere Sichtbarkeit wird zurückgedrängt, Unterstützung der Community wird beendet und Diversitätsprogramme werden eingestellt."
Schon im vergangenen Jahr, nach dem Start der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump, wurden Änderungen sichtbar. So mehrte sich unter anderem daran Kritik, dass einige Unternehmen ihre Logos beispielsweise auf dem Karrierenetzwerk LinkedIn im Juni nicht mehr in Regenbogen-Optik einfärbten.
Der Softwarekonzern SAP erklärt die Änderungen mit übergreifenden Corporate-Design-Richtlinien. Ein Lufthansa-Sprecher teilt mit: "Die Lufthansa Group hat entschieden, ihre Logos grundsätzlich nicht mehr anlassbezogen zu verändern - weder für die Pride Season noch für andere Initiativen."
Andere Formen der Unterstützung
Beide betonen, am grundsätzlichen Engagement für die queere Community habe sich nichts geändert. Die Lufthansa unterstütze etwa Veranstaltungen wie die Frankfurt Pride, das Schwule Museum Berlin und lokale Aids-Hilfen. Mit Pride-Beflaggung am Lufthansa Aviation Center werde Unterstützung ebenso sichtbar. SAP ist laut Sprecherin bei Pride-Paraden in Berlin, Mexiko-Stadt, Tokio und Vancouver vertreten. "In diesem Jahr feiern wir zudem 25 Jahre Pride bei SAP mit verschiedenen Veranstaltungen an zahlreichen Standorten."
Dass kleine und mittlere Unternehmen ihr Engagement derzeit flächendeckend zurückfahren, kann der Deutsche Mittelstands-Bund nicht feststellen. Vorstand Marc S. Tenbieg räumt aber ein: "Die Debatte um Rainbow-Washing ist wichtig, weil sie echte Glaubwürdigkeit einfordert. Niemand braucht bunte Logos ohne Haltung dahinter." Der Mittelstand sei durch die Nähe zu Mitarbeitenden, Kunden und regionalen Gemeinschaften geprägt. Unternehmenskultur werde hier nicht primär über Kampagnen sichtbar, sondern im täglichen Miteinander.
"Gerade jetzt braucht es mehr unternehmerisches Engagement"
"Problematisch wird es aber, wenn unternehmerisches Engagement rund um Pride und CSD unter den Druck populistischer Strömungen gerät und Firmen sich aus Angst vor Konfrontation zurückziehen", so Tenbieg. Wegen leerer Kassen gebe es weniger kommunale Unterstützung, während Kosten für Pride-Veranstaltungen wegen höherer Sicherheitsanforderungen stiegen. "Wer sich in dieser Situation aus Pride- oder CSD-Aktivitäten verabschiedet, obwohl er es sich leisten könnte, sendet ein fatales Signal." Das wäre ein Armutszeugnis. "Gerade jetzt braucht es mehr unternehmerisches Engagement."
Zurückhaltung sei kurzsichtig, findet auch Lehmann vom LSVD+. Ein vielfältiges Arbeitsumfeld wirke sich positiv auf den Erfolg von Unternehmen aus. Wer sich in Zeiten gesellschaftlicher Spannungen öffentlich an die Seite der queeren Community stelle, setze ein umso stärkeres Zeichen. Solche Unternehmen gebe es immer noch. "Sie nehmen aktuell eine sehr bedeutende Rolle ein."
Der Chemiekonzern BASF etwa ist nach einer Pause wieder zum Regenbogen-Logo zurückgekehrt. Im vergangenen Jahr habe der Fokus auf Mitmach- und Austauschmöglichkeiten gelegen, erläutert eine Sprecherin. "Die Idee war: weniger Symbolik, mehr konkrete Aktionen." In diesem Jahr setze BASF auf das Thema Sichtbarkeit - daher auch der Logowechsel in den sozialen Medien.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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