
Linus schnüffelt: in Ecken, an Holzleisten, am Bett. Haben sich in der Berghütte ungebetene Gäste versteckt? Nicht Wanderern, sondern Bettwanzen ist Linus auf der Spur.
Der Mischling ist ausgebildeter Wanzenspürhund. Im 1.670 Meter hoch gelegenen Schneibsteinhaus des Deutschen Alpenvereins (DAV) im Nationalpark Berchtesgaden ist er zur jährlichen Wanzenprophylaxe unterwegs. Hunde können die Blutsauger in ihren Verstecken in Ritzen und hinter Holzverschlägen aufspüren – wo der Hüttenwirt selbst bei akribischer Suche mit Stirnlampe nicht hinsieht.
Wie riecht die Wanze?
Dieses Mal hat Linus nichts Verdächtiges gefunden. Damit er trotzdem ein Erfolgserlebnis hat und ein Leckerli bekommen kann, hat Wanzenspürhundeführerin Laura Pannasch Röhrchen mit echten Wanzen sowie Papierschnipsel mit "Wanzenparfüm" versteckt, hergestellt aus toten Wanzen in Alkohol. Es riecht leicht süßlich nach Bittermandel.
Bettwanzen beschäftigen den Alpenverein seit Jahren. Die Tiere reisen mit den Wanderern, versteckt in Rucksäcken, Hüttenschlafsäcken oder Kleidung. Wo viele Menschen in wechselnden Betten schlafen, finden die Tiere ideale Bedingungen: Auf Berghütten, aber auch in Hotels, Jugendherbergen - und manchmal auch in Zügen und Kinosesseln, wo ständig andere Menschen sitzen.
Belastbare Zahlen fehlen. Wer betroffen ist, hält sich oft lieber bedeckt. Wer möchte schon, dass sein Haus mit Ungeziefer in Verbindung gebracht wird?
Wer ist Wolli ?
"Such Wolli", ruft Laura Pannasch, während Linus durchs Matratzenlager schnüffelt. "Wolli" ist das Codewort für Wanze, auf das Linus trainiert ist. Pannasch hat auch Kunden im Tal – und da muss sie mit Linus oft den Hintereingang nehmen. Damit Gäste nicht merken: Hier wird nach Wanzen gesucht.
Der DAV steht mit seinem offenen Herangehen relativ alleine da. Jedes Jahr seien etwa 15 bis 20 der rund 325 DAV-Hütten betroffen, berichtet der Verband. Tendenz steigend. Ein Grund dürfte der Trend zu Bergsport sein, mit steigenden Übernachtungszahlen, 2024 waren es beim DAV mehr als 900.000.
Im Schneibsteinhaus hängen am Eingang, im Treppenhaus, in den Zimmern und sogar auf den Toiletten Hinweise auf das Wanzenproblem, verbunden mit der Bitte, den Rucksack - als Wanzentaxi - nicht ins Zimmer zu nehmen und den von der Hütte gestellten Schlafsack zu nutzen. Nur wenn die Gäste das Problem kennen und mithelfen, könne es bekämpft werden, sagt Hüttenwirt Stefan Lienbacher.
Teure Wanze
Sind erst einmal Wanzen im Haus, wird es teuer. An die 20.000 Euro koste der Kammerjäger, sagt Gabi Schieder-Moderegger, Vorsitzende der DAV-Sektion Berchtesgaden, zu der das Schneibsteinhaus gehört. Es können aber - so hört man aus anderen Sektionen - auch 50.000 Euro werden. Der Hunde-Einsatz kostet "nur" etwa 500 bis 2.000 Euro je nach Größe der Hütte.
Vor drei Jahren hatte das Schneibsteinhaus einen Befall. Ein Gast meldete Bisse. Zum Glück: Ehe die ganze Hütte befallen war, konnte Lienbacher den Kammerjäger holen, der befallene Matratzen unter einer Art Zelt auf 60 Grad erhitzte.
Kein Bergtier
Zum Testschlaf danach kam die Sektionsvorsitzende Schieder-Moderegger: Aktion erfolgreich, kein Biss. Früher sei ein Wanzenbefall mit Schuldgefühlen behaftet gewesen, sagt sie. "Bin ich schuld, hab’ ich etwas falsch gemacht?" Mittlerweile sei klar: Es kann jeden treffen. Letztlich hat das Problem im Tal begonnen. Denn, so DAV-Sprecherin Miriam Roth: "Die Wanze ist kein Bergtier."
Weltweit sind Bettwanzen ein Thema. Vor den Olympischen Spielen in Paris war in Frankreich eine regelrechte Wanzen-Hysterie ausgebrochen. Aus Zügen, Kinos und anderen Orten meldeten Menschen vermeintliche oder tatsächliche Funde. Die Wanze wurde Thema im französischen Parlament. Experten warnten damals allerdings vor Übertreibung: Nicht jedes einer Wanze ähnliche Insekt ist auch wirklich eine.
Eine gute Nachricht: Die braunen, wenige Millimeter großen Tiere ernähren sich zwar von menschlichem Blut. Die Bisse können stark jucken, sind aber nicht gefährlich. "Bettwanzen übertragen keine Krankheiten. Es ist einfach lästig", sagt Hüttenwirt Lienbacher. Ein Befall habe nichts mit Hygiene zu tun. Putzmittel machten Wanzen nichts aus. Und: "Es gibt kein Hausmittel dagegen, da braucht es Profis, die wissen, was sie tun."
Hellblaue Decken und weiße Laken
Um einen Befall schneller zu bemerken, hat das Schneibsteinhaus wie manche anderen Hütten farblich umgestellt: Hellblaue Decken statt braune. "Wir haben auch die Bettlaken ausgetauscht, früher waren sie dunkel, jetzt sind sie hell", sagt Lienbacher. "Da kann man Spuren - Blutspuren, Kotspuren, Häutungshüllen - schneller erkennen."
Claudia Essendorfer, Wirtin der Schönfeldhütte im Mangfallgebirge, setzt auf weiße Malerfarbe am Bettgestell, um Kotspuren zu sehen. "Schwarze Punkte, das sieht aus wie ein Fliegenkot. Deshalb haben wir uns damals gar nicht so viel dabei gedacht. Inzwischen sind wir sehr sensibilisiert", sagt sie über den einzigen Befall. "Wir putzen die Zimmer mit Stirnlampen" - um die Tiere in dunklen Ecken zu finden.
Ab in die Mikrowelle
Jede Hütte ist anders und hat ihr eigenes Konzept. Am Rotwandhaus etwa heißt es: persönliche Sachen nur in Plastikkisten ins Zimmer, Hüttenschlafsack beim Check-in in die Mikrowelle. 30 Sekunden bei 600 Watt - das Küchengerät macht auch auf anderen Hütten den Krabbeltieren den Garaus.
Gerade an beliebten Fernwanderwegen, wo es von Hütte zu Hütte geht, steigt die Wanzengefahr. Solche Hütten lasse die Sektion zweimal jährlich prophylaktisch behandeln, sagt Carolin Kalkbrenner, Ressortleiterin Hütten & Wege der Sektion München. Aber: "Das Wichtigste bei der Bekämpfung von Bettwanzen ist die Mithilfe unserer Gäste."
Mancher Wanderer hat sich wanzenmäßig auf die Saison vorbereitet: Franz-Josef Hofmann hat gerade seine Hüttenschlafsäcke ausgekocht. "Sauber ankommen, nichts mitbringen", das sei der erste Schritt.
Sie hätten von Wanzen gehört, sagen andere Gäste. Wie sie sich selbst schützen, ist manchem nicht ganz klar. "Spray?", meint eine Besucherin zaghaft. Dabei sind die Maßnahmen für zu Hause einfach: Rucksack über der Badewanne ausleeren, Kleidung mit 60 Grad waschen oder drei Tage bei minus 18 Grad einfrieren.
281372
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
Weitere aktuelle News im Ressort "Panorama":
NEUESTE BEITRÄGE
- 1
Michael Schumacher: Neuer Schumi-Post rührt Fans zu Tränen31.07.2026 - 2
WTA Tennis in Parma: Lombardini/Urgesi erringt einen klaren Sieg über Brooks/Lechemia13.05.2026 - 3
WTA Tennis in Dubrovnik Ergebnis: Andrea Lazaro Garcia überwältigt Alina Charaeva27.03.2026 - 4
Bär unterwegs?: Mögliche Bärenspur im Allgäu – Behörden warnen Wanderer21.07.2026 - 5
WTA Tennis in Rome: Siniakova/Townsend beherrscht das Match gegen Perez/Schuurs14.05.2026
Ähnliche Artikel
Fußball News: Frauen-Bundesliga plant Investitionen bis zu 800 Millionen04.05.2026
WTA Tennis in Dubrovnik Ergebnis: Sara Sorribes Tormo zerschlägt Ana Petkovic23.03.2026
Wetter in Hessen: Ministerin warnt vor Hitze – Senioren besonders gefährdet18.06.2026
Miami Open: Alexander Zverev bezwingt Francisco Cerundolo27.03.2026
Drogenkartelle: Medien: Mächtigster mexikanischer Drogenboss "El Mencho" tot22.02.2026
Prozess (Gericht): Block-Prozess: Mitarbeiterin von Eugen Block soll aussagen29.01.2026
Bundesliga News: Torrekord - na und? FC Bayern jetzt heiß auf Real12.04.2026
Kriminalität: Storch wird angeschossen - und stürzt von Kirchdach11.08.2026
WTA Tennis in Madrid Ergebnis: Bassols Ribera / Lazaro Garcia überwältigt Brooks / Corley09.04.2026
Franziska Preuß privat: Biathlon-Star beendet Karriere - so lebt sie zwischen Zoll und Familie30.01.2026










