
Ein kaum zu bremsender Hype um den britischen Lokalhelden Arthur Fery, ein traumhaftes Wimbledon-Finale vor Augen - doch Alexander Zverev lässt sich von all dem zumindest äußerlich nicht verrückt machen. Der French-Open-Sieg scheint den deutschen Tennisstar von einer solch immensen Last befreit zu haben, dass er auf dem besten Weg ist, sich fünf Wochen später auch zum Wimbledon-Sieger küren zu können. Am Freitag (14.30 Uhr/Prime Video) möchte er sich vom Sensations-Halbfinalisten Fery und der Atmosphäre nicht aufhalten lassen.
Ein Jahr nach seinem Erstrunden-Aus an der Church Road, nach dem er über mentale Probleme sprach, hat Zverev zur Gelassenheit gefunden. Mit einer auffallenden Leichtigkeit marschiert der 29-Jährige durchs Turnier. Er wirkt lockerer, setzt sich offenbar nicht mehr so unter Druck. Auch nicht vor dem Halbfinale vor 15.000 Zuschauern auf dem Centre Court, auf dem das Publikum den britischen Außenseiter Fery ins Endspiel treiben möchte.
"Natürlich ist es ein großes Match. Es geht um den Einzug ins Wimbledon-Finale", sagte Zverev. "Aber letztendlich habe ich gelernt, dass ein Tennismatch einfach nur ein Tennismatch ist. Niemand wird sterben. Das Leben der Leute wird sich nicht drastisch verändern. Wir werden weiterleben. Ich werde einfach versuchen, mein bestes Tennis zu spielen. Mehr steckt nicht dahinter."
Möglicher Spielverderber für das britische Tennis-Märchen
Auf sein Tennis und seine Stärken auf dem Platz kann Zverev als erster deutscher Wimbledon-Halbfinalist seit Tommy Haas 2009 in diesen Tagen extrem vertrauen. Der Hamburger strahlt weitestgehend Souveränität und Selbstverständnis aus, erst zwei Sätze hat er in fünf Matches bislang verloren. "Gewinnen löst viele Probleme bei Sportlern", sagte Zverev, der zum ersten deutschen Wimbledon-Sieger seit Michael Stich 1991 aufsteigen kann.
Im Halbfinale wird Zverev aus Sicht der Gastgeber der mögliche Spielverderber sein, der das Tennis-Märchen des Senkrechtstarters Fery beenden möchte. "Natürlich weiß ich, dass 99 Prozent der Zuschauer ihn anfeuern werden. Aber ich genieße auch solche Atmosphären. Ich mag es, wenn die Energie richtig hoch ist", sagte er. Das Publikum in Wimbledon feuere laut und voller Energie an, verhalte sich aber fair. "Ich freue mich auf diese Herausforderung."
Royale Unterstützung für Fery
Sein Gegner hat sich völlig überraschend ins Rampenlicht gespielt und scheint auf Wolke sieben zu schweben. Auch gegen Zverev glaubt er an seine Chance. "Zverev ist wieder eine größere Nummer", sagte der Außenseiter zwar. "Ich bin dafür bereit", betonte er. "Ich werde einfach rausgehen und mein Spiel auf den Platz bringen, das tun, was ich bisher getan habe."
Zverev war der Brite schon bei den Australian Open mit seiner sauberen Technik aufgefallen. In Wimbledon verzaubert der frühere Stanford-Student mit einer Wildcard ausgestattet, also Teilnehmer auf Einladung der Veranstalter, die ansonsten momentan nicht von Tennis-Erfolgen verwöhnten Briten. Prinzessin Kate schaute sich schon sein Zweitrunden-Match an, Königin Camilla gratulierte ihm als Zuschauerin in der Royal Box nach seinem Viertelfinale.
Der bisher weitestgehend unbekannte Fery wuchs wenige Minuten entfernt vom All England Club auf, ging in Wimbledon zur Schule, erstaunte Runde für Runde und möchte beim Männer-Finale am Sonntag seinen 24. Geburtstag auf dem Centre Court feiern. "Wimbledon dachte, es hätte schon alles gesehen - doch dann kam Fery", titelte die BBC.
In Paris hatte sich Zverev angelogen, als er nach dem Zweitrunden-Aus von Topstar Jannik Sinner zum klaren Favoriten aufgestiegen war, um dem Druck standhalten zu können. Dass er jetzt im Wimbledon-Halbfinale der Favorit ist, sei für ihn kein Problem. "Da muss ich alt genug sein".
Für Stich ist Zverev Titelfavorit
Sportlich ist es die vermeintlich deutlich leichtere Aufgabe als gegen den italienischen Vorjahreschampion Sinner oder den serbischen Rekord-Grand-Slam-Sieger Novak Djokovic. Die beiden Topstars stehen sich im anderen Halbfinale gegenüber. Für Prime-Experte Stich ist Zverev von allen Halbfinalisten in der aktuellen Form "der Beste".
Spielerisch hat Zverev seine Lehren aus vergangenen Enttäuschungen gezogen. Sein offensiver ausgerichtetes Spiel zahlt sich auf Rasen besonders aus. Seine gewaltigen Aufschläge ragen ohnehin heraus. Der Beinahe-US-Open-Sieger von 2020 hat aber auch sein Grundlinienspiel verbessert, mit mehr Richtungswechseln. Mit mehr Risiko in den entscheidenden Momenten. Mit einer Vorhand, die so gut wie noch nie zuvor sei, wie der angeschlagene US-Profi Taylor Fritz nach Zverevs eindrucksvollem Viertelfinalerfolg sagte.
"Ich habe meine Spielweise für Rasen ein bisschen angepasst. Ich habe es in den letzten Jahren schon ausprobiert, aber ich habe mich dabei nie wohlgefühlt", erklärte Zverev. "Dieses Jahr funktioniert es ziemlich gut." Am Freitag sollen ihn seine Stärken ins Finale tragen. "Es ist ein Traum vom kleinen Jungen, auf den größten Bühnen der Welt zu stehen", sagte er.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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